A long story short.

 

2003. Dieses Jahr ist vielleicht eines der dramatischsten in unserem Leben. Ende Februar wird bei unserem 18 Monate alten Sohn ein fortgeschrittener Tumor diagnostiziert. Zu diesem Zeitpunkt bin ich hochschwanger mit unserem zweiten Kind, das fünf Wochen später zur Welt kommen wird. Eine hochintensive Zeit beginnt, in der es kaum möglich ist, zur Ruhe zu kommen - es wäre mit zwei gesunden Kindern anstrengend genug. Die Hebamme runzelt bei jedem Nachsorge-Termin die Stirn - die Rückbildung läuft nur schleppend: “Yvonne, Du musst für Dich sorgen. Finde einen Weg.” Ich habe weniger Sorge um mich, aber mein Körper muss ja auch das Baby versorgen.

 

Also höre ich mich um und suche. Ich bewege mich gern, aber ich mag den häufig vorhandenen Leistungsdruck bei vielen Sportarten nicht. Ich will die Bewegung nicht, um mir etwas zu beweisen oder mich zu quälen - es soll mehr dahinter sein: ich will sie mit Sinn. Ich brauche nichts, was mich ausbrennt, sondern etwas, das mich nährt. 

Meine Mattenpraxis, die den Umständen geschuldet in den Wochen zuvor ruhen musste, nehme ich zwei Wochen später wieder auf - und Oliver zum ersten Mal mit. Meine Eltern, die uns schon in der Krankenhaus- und vor allem der Palliativzeit eine große Unterstützung waren, hüten unseren Jüngsten. Sie ermöglichen uns eine gemeinsame Praxis, zwei- manchmal sogar drei mal die Woche. Die Praxis wird uns etwas, das wir nicht mehr missen wollen. Sie hilft mir, mit meiner Trauer umzugehen - und zu begreifen, dass Trauer einer fortwährenden Wandlungsprozess unterworfen ist - und sein darf. Yoga bringt Ordnung in meinen Kopf und Frieden in mein Herz.

 

Die Praxis lehrt mich, die Dinge nur für den Moment anzuschauen und darauf zu vertrauen, dass ich alles, was sich verändern wird, immer wieder neu annehmen und loslassen lernen kann. Sie wird wie ein Kompass, ein Leuchtfeuer, wenn ich doch zwischendurch die Orientierung und mich in mir selbst verliere. 

 

Bis heute ist das so geblieben - ganz gleich, in welcher Yoga Tradition ich mich bewege (auch wenn ich natürlich meine Vorlieben habe). B.K.S Iyengar soll einmal gesagt haben, dass Yoga die Reise des Selbst durch sich selbst und zu sich selbst sei. 

Und schöner, finde ich, kann man es eigentlich nicht ausdrücken.

 

Anfang Oktober liege ich das erste Mal auf der Matte in Savasana. Völlig fassungslos darüber, dass ich 90 Minuten lang über nichts nachgedacht habe - nicht über das Baby, nicht über mein todkrankes Kind, nicht über den wunderbaren Gatten, den ich heute Abend mit der Betreuung unserer Kinder allein gelassen habe. 90 Minuten lang bin ich so beschäftigt mit Atem - Haltung - Ausrichtung, dass für nichts anderes Raum ist. Und falls Du neugierig bist: es war eine Ashtanga Vinyasa Klasse, in der ich gelandet bin. 

90 Minuten lang im Hier und Jetzt. Am Ende dieser anderthalb Stunden nehme ich einen Frieden in mir wahr, der in diesem Ausmaß eine ganz neue und völlig überraschende Erfahrung für mich ist.

 

Diese Erfahrung, dass - ganz gleich, wie die Begleitumstände sein mögen - der gegenwärtige Moment IMMER gut zu (er)tragen ist: es ist vielleicht die profundeste Erkenntnis, die mir meine Mattenpraxis bis heute beschert hat.

Ich werde diese Erkenntnis im Alltag anwenden, immer und immer wieder im folgenden Dreiviertel Jahr, in den ungezählten Wochen im Krankenhaus, während der Chemoblöcke, im Zelltief danach, in den letzten, palliativen Wochen Zuhause, die für Oliver und mich zu einer 24-Stunden-Pflege werden, in der wir uns abwechseln - 

Wir SIND miteinander. Hier und Jetzt. Augenblick für Augenblick. 

Unser Kind stirbt an einem Dienstagabend im Juli 2004.

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